10 - DIE EISENBAHN

I

Ich habe auf all den Zugfahrten viele viele Stunden aus dem Fenster geschaut, kein einziger Moment davon war verschwendet. Mal fuhr der Zug an einem Meer entlang, und die Wellen schlugen keine fünf Meter von den Schienen entfernt ans Ufer. Mal schmiegte sich die Bahn an steile Berghänge, und gab in einer Kurve den Blick frei auf ein weites Tal. Mal lagen weiße Rinder auf einer Wiese, und beobachteten uns Fahrgäste in den Zugabteilen, wie wir sie da draußen auf ihrer Wiese beobachteten. Die Reise mit dem Zug, ob fern oder nah, ob durch Gebirge oder das Umland, zeigt mir die Welt immer wieder von einer Seite, die mir auf den Straßen und Wegen verborgen bleibt. Und irgendwo habe ich gelesen, dass viele Menschen, die normalerweise in jeder freien Sekunde arbeiten, sich im Zug zurücklehnen, ihre Notizbücher und Laptops zuklappen, und rausschauen. Denn draußen vor dem Fenster zeigt ihnen der Zug immer neue Bilder und Orte und Blickwinkel. Das ist schon Arbeit genug. Da können sich die Menschen getrost einfach zuschauen, ohne was zu verpassen. Zugfahren ist als wie ein kleiner Urlaub für den Kopf.


II

Und irgendwann, wenn ich groß bin, sitze ich an einem Tisch unter dem Schattendach eines weißen Pavillons in meinem verwunschenen Garten. Um mich herum summen Bienen, sie suchen in den mit Blumenranken und Efeu überwucherten Pavillonwänden nach Nektar. Vor mir auf dem Tisch liegt ein Stück Papier, auf dem ich einige Zeilen zu einem Lied notiert habe. Der Frühling hängt zufrieden in der Luft, im Gras hinter dem Strauch brütet ein winziges Zilp-Zalp-Pärchen. Ich kann ihren Ruf hören, sie fragen  „Zilp?”, und antworten „Zalp!” Und wieder „Zilp?” „Zalp!” Und nun - Tuut! - gesellt sich das Abfahrtssignal der kleinen Eisenbahn in die Nachmittagskulisse. Sie setzt sich vom Haus aus in Bewegung in Richtung Garten. Ihre schmalen Schienen schlängeln sich um die Beete und Bäume, vorbei am kleinen Teich mit den Fröschen, bis hier hinter zu mir. In etwas 1 bis 2 Minuten wird die Garteneisenbahn hier am Tisch halten, die kleinen Bremsen quietschen leise, auf dem ersten Waggon wird ein Tablett stehen mit einer Kanne frischem Thymiantee, einer Teetasse und einem Teller mit Butterkeksen und Apfelstücken, welche die Schildkröte Erna aus ihrem Mittagsschlafschatten an den Tisch locken wird. Ich werde sagen: „Erna, meine Liebe, leistest du mir Gesellschaft?“ Und Erna wird zufrieden auf den Apfelstücken herum schmatzen, und der Eisenbahn hinterherschauen, wie die weiterfährt, durch den Garten. Denn im Nachbarpavillon wartet man schon ungeduldig auf das andere Tablett mit dem Tee und den Keksen, welches auf dem zweiten Waggon steht. Der dritte Waggon der Eisenbahn ist reserviert für Gäste, denn jedes Kind, welches den Garten besuchen wird, darf eine Runde mit der Bahn fahren. So werden wir es an den Frühlingsnachmittagen halten in meinem verwunschenen Garten. Irgendwann.

10 - „Die Eisenbahn“ ist nun online. Viel Spaß mit dem Video und dem Lied. 


Macht’s gut! Viele Grüße von Schmidti 🚂

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09 - IDA MAG BRAUSE