16 - ANDERSRUMTAG
Klein Kurt mag es, wenn immer alles gleich ist. Sein Frühstücksbrot ist jeden Morgen exakt mit der gleichen Menge Marmelade bestrichen. Sein Pfefferminztee dampft mit genau der gleichen Temperatur in seiner Lieblingstasse. Die Schuhe an Klein Kurts Füßen sind seit Jahren dasselbe Modell. Sonntags geht Klein Kurt zur immer gleichen Zeit aus dem Haus, um die Enten im Stadtpark zu besuchen. Klein Kurt hat eine Routine.
Die Routine ist Klein Kurt wie ein zu Hause, in dem ein Feuerchen im Kamin brennt, denn draußen, in all dem Chaos aus Möglichkeiten und spontanen Einfällen, ist es Klein Kurt zu kalt.
An einem Morgen nach einer völlig routinierten Nacht schaut Klein Kurt auf von seinem Frühstücksmarmeladenbrot und wundert sich. Die Küchenwand reibt ihn am Hemdsärmel, das hat sie noch nie getan. „Nanu“, denkt sich Klein Kurt, „grad ist es, als wäre die Wand näher gekommen.“ Und tatsächlich scheint Klein Kurts Routine-Haus über Nacht geschrumpft zu sein. Auch die Wände im Bad und im Wohnzimmer stehen enger, der Kaktus auf dem Tisch spießt schon warnend mit den Stacheln an die Tapete. „Beobachten“, denkt sich Klein Kurt. An den nächsten Routine-Tagen stellt Klein Kurt jeden Morgen fest, dass die Wände immer wieder ein Stückchen näher gekommen sind. Klein Kurts Haus schrumpft. Und am Sonntag, grad als er wie immer sein Haus verlassen will, um die Enten im Stadtpark zu besuchen, passt Klein Kurt nicht mehr durch die Tür und sitzt fest in seinem Haus aus Routine.
Klein Kurt denkt nicht im Traum daran, etwas an seiner Gewohnheit zu ändern, da kann sein Routine-Haus noch so klein und eng sein. Er zwängt also seine Arme durch die Fenster des Hauses, seine Beine durch die Eingangstür und durch den Keller, und - plopp - guckt sein Kopf durch den Kamin. „Das wär doch gelacht! Heut ist Sonntag, da geh ich in den Park!“, meint Klein Kurt und macht sich auf den Weg.
Er stolpert durch die Straßen in Richtung Park, obwohl ihm die Routine so gar nicht passen will und ihn sein Haus nur einengt. Als sich Klein Kurt endlich am Ententeich einfindet, und dort sein Spiegelbild im Wasser sieht, wie er drinsteckt in seinem viel zu engen Haus, da schüttelt er den Kopf und murmelt: „Ich muss was anders machen.“
Und auf dem Nachhauseweg nimmt Klein Kurt ein andere Route als sonst. Und wundert sich.
„Nanu, die Blumen hier, die kannte ich noch gar nicht!“, ruft Klein Kurt.
Und zum Abendbrot isst Klein Kurt einen Pfannkuchen, obwohl doch Sonntag ist, und es da immer Kartoffelsuppe gibt. Er wundert sich.
„Nanu, der Pfannkuchen schmeckt mir sogar am Abend, wer hätte das gedacht, wo ich doch sonst immer Suppe esse!“
Und als es Morgen wird, sind alle Wände des Hauses wieder an ihrem Platz, und Klein Kurt kann - plopp! - den Kopf aus dem Kamin nehmen.
„Sonntags wird ab heute mein Andersrumtag!“, bestimmt Klein Kurt erleichtert, „da hat die Routine Pause und das Haus wird gelüftet.“
16 - „Andersrumtag“ ist nun online, viel Spaß beim Füßeln!
Macht’s gut! Viele Grüße von Schmidti 🎈