14 - DIE MELODIE DER NACHT

WALDKONZERTE

„Grüß Sie, Herr Kapellmeister!“ rief die Eule dem Hasen zu, der hastig Haken schlagend durch den Wald eilte. „Ich bin zu spät! Ich bin zu spät!“, antwortete der Hase, und hoppelte weiter. Er war Dirigent der Waldkonzerte, und auf dem Weg zur Probe mit dem Orchester. Die Noten für das abendliche Konzert klemmten unter seinem Ärmchen, er hatte einen echten Klassiker der Waldmusik ausgewählt. Das Grande Finale dieser Komposition mündete in einem wunderbaren Dreiklang aus purer Harmonie, der die Sonne lobpreiste, damit sie am Morgen wieder aufginge. „Nur weil sie bisher immer aufgegangen ist, heißt das noch lange nicht, dass sie es wieder tun wird!“, pflegte der Hase zu sagen, und war sich sicher, dass ihre Waldkonzerte die Sonne jeden Tag zur Wiederkehr bewegten. Und deshalb wählte er am Morgen beim Sonnenaufgang ein Musikstück aus, was sie am Abend beim Sonnenuntergang mit dem Waldorchester spielten. So hielt er es seit Jahren. Und bisher war die Sonne auch immer wieder aufgegangen. 

„Ich bin zu spät! Ich bin zu spät!“ Der Dirigent blinzelte hinauf zum Himmel, es war Mittag, in ein paar Augenblicken begann ihre Orchesterprobe auf der großen Lichtung. 10 Minuten probten sie täglich, danach gingen alle zurück an ihre Arbeit. Nicht viel Zeit, aber ausreichend. Und just in dem Moment als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, sprang der Dirigent mit einem Satz auf die Lichtung, hoppelte auf einen kleinen Hügel und schlug mit seinem Hinterlauf. Das Orchester war versammelt, und von der Maus bis zur Zikade schaute nun alles zum Dirigenten. Der nickte höflich, die Tiere grüßten zurück. Die Probe begann. Die Wühlmaus verteilte die Noten unter den Musizierenden und nahm neben dem Hasen Platz, sie war die Assistenz des Dirigenten. Der Hase rief „Attentione!“ und wollte grad seinen Dirigenten-Tannennadel schwingen, da quakte einer der Frösche:  „Diese Komposition hatten wir doch aber schon letzte Woche,“ und zog eine Schnute. „Es ist die pure Harmonie. Sie wird der Sonne gefallen“, antwortete der Hase, rief wieder „Attentione!“, und hob seine Tannennadel. „Aber wir können doch nicht immer das gleiche spielen, das ist doch langweilig“, quakte nun ein zweiter Frosch. Die Zikaden stimmten ihm zu. Der Hase erklärte: „Das ist ein Klassiker der Waldmusik. Den kann man so oft spielen, wie man will, der wird nie langweilig.“ Die Antwort schien den Fröschen nicht zu schmecken, ihre Schnuten wurden immer breiter. 

Der Hase wackelte nervös mit den Ohren. Jedes Wort, was nicht Musik war, wurde ihm zu viel. Sie hatten keine Zeit! Also rief der Hase: „Lasst uns proben. Attentione!“ Da meinte der Uhu träge: „Das brauchen wir nicht proben, das spielen wir im Schlaf“, und gähnte laut. Die Tiere wurden skeptisch. Müssten sie tatsächlich etwas proben, was sie im Schlaf beherrschten, war das nicht vertane Zeit? Einer der Hirsche schlug vor: „Vielleicht sollten wir einmal etwas Neues spielen.“ „Etwas Neues?“, fragte der Hase ungläubig. Ihre abendliche Konzerte im Wald waren berühmt; sie wurden gelobt in allen Dichtungen, und fanden Nachahmer auf jedem Erdteil. Sogar im Dschungel! Und nun sollten sie daran etwas ändern? Der Hase war so voller Zweifel, dass er verstummte. Der Hirsch aber wusste, wie sehr der Hase fürchtete, dass die Sonne einmal nicht aufgehen würde. Und so argumentierte er klug: „Lieber Hase, die Sonne würde sich bestimmt freuen über ein paar frische Kompositionen.“ „Ja? Würde sie sich freuen?“, fragte der Hase, und alle Tiere des Orchesters nickten. Und da ließ sich der Hase überzeugen: „Gut, wenn das so ist, dann probieren wir ... etwas Neues.“ 

Die Tiere schauten gespannt zum Hasen. „Zu dumm, ich hab leider gar nichts Neues dabei“, sprach der Hase und fragte: „Vielleicht kennt jemand von euch etwas Neues?“ Die Tiere überlegten, alle kannten nur die alten Musikstücke. Man müsste sich also etwas ausdenken. „Ich könnt vielleicht so etwas singen“, sprach der Hirsch und röhrte einmal laut: „Roooooaaaaarrrr!“  „Aha, ja, interessant“, sagte der Hase. Er wusste noch nicht, ob er den Vorschlag des Hirsches mochte, denn er war so neu, und Neues braucht immer etwas Zeit, bis es verstanden wird. Also bat er seine Assistenz, die Wühlmaus, die Idee des Hirsches aufzuschreiben. Nun meldeten sich die Tauben mit einem Vorschlag: „Wir haben da so eine hübsche kleine Melodie,“ und begannen zu gurren. „Aha. Ja.“, sprach wieder der Hase, und die Wühlmaus notierte sich die neue Melodie. „Nach den Tauben könnten wir quaken“, meinten die Frösche. „Und dazu würde vielleicht unser Zirpen passen?“, schlugen die Zikaden vor, und die Wühlmaus notierte ,und der Hase nickte, und die Tiere überlegten sich allerhand Neues. Und mit einem Mal waren die zehn Minuten Probe um, und alles eilte auseinander. Nur der Hase blieb zweifelnd zurück. „Haben wir jetzt etwas Neues?“, fragte er seine Assistenz. Die Wühlmaus zuckte mit den Schultern, übergab dem Hasen ihre Notizen, und eilte nach Hause. Das Mittagessen wartete. 

„Soviel Neues“, murmelte der Hase. Er schaute seufzend auf den Stapel Notizen: Wenn die Musik von vorn bis hinten neu tönte, wer weiß, ob sie der Sonne dann noch gefallen würde. „Andererseits“, dachte der Hase, „werden die Tiere nicht mehr musizieren wollen, wenn alles beim Alten bleibt. Und ohne Musik käme die Sonne sicherlich nie mehr wieder. Besser also ein neues Konzert spielen, als gar keines“, entschied der Hase, nahm die Notizen der Wühlmaus zur Hand, und begann sie zu studieren. „Lass sehen. Erst das Röhren des Hirsches, dann das Gurren der Tauben, gefolgt vom Duett aus dem Quaken der Frösche und dem Zirpen der Zikaden... Nanu!“ Hier stutzte der Hase. Ihm kam das alles gar nicht so neu vor. Er legte die Noten des Waldkonzertes neben die Notizen der Wühlmaus, und begann das Neue mit dem Alten zu vergleichen. Hier eine Variation im Gurren, dort ein längeres Quaken und noch ein paar Kleinigkeiten. „Am Ende klingt das Neue wie das Alte, nur anders?“, dachte sich der Hase, und war gespannt auf das Konzert. 

Der Abend kam. Die Frösche kletterten auf die Blätter der Seerosen im Teich, die Zikaden hängten sich an die Grashalme, alle Tiere des Orchesters nahmen ihre Plätze ein. Und die Tauben verdrehte nervös die Hälse, und beäugten das viele Publikum, das zusammengekommen war, um das Neue zu hören. „Was, wenn sie es nicht mögen?“, klapperten die Tauben mit den Schnäbeln. „Quatsch!“, zirpten die Zikaden, und raspelten sich warm. Auch die Frösche quäkelten leis durcheinander; sie konnten es nicht erwarten, ihre neue Komposition zu präsentieren. Und als die Sonne sich rot zu färben begann und der Tag zum Abend wurde, sprang der Hase auf seinen Dirigentenhügel, klopfte mit dem Hinterlauf, rief „Attentione!“ und hob die Dirigenten-Tannennadel. Und das Neue begann. 

Das Orchester spielte so gut, wie nie. Alle war hellwach, denn keines der Tiere wollte das Neue verpatzen. „Oh!“ und „Ah!“ rief das Publikum, für die Zuhörerinnen und Zuhörer war das Konzert ein wahrer Hochgenuss. Und der Hase schwang begeistert seine Tannennadel. Für ihn klang das Neue genauso wunderbar, wie das Alte und er war sich sicher, dass die Sonne nach dem Hören dieser Harmonien am Morgen wieder aufgehen würde. Nach dem Konzert saßen die Tiere noch lange beisammen und beglückwünschten sich zu ihrem bravourösen Konzert. Und als man sich verabschiedete, dachte der Hase: „Vielleicht sollten wir öfters etwas neues Spielen“, und hoppelte zufrieden nach Hause. 


Und nach dem abendlichen Konzert lauscht der Dirigent dem neuen Schlaflied von Schmidti.
14 - „Die Melodie der Nacht“ ist nun online, viel Spaß damit!

Macht’s gut! Viele Grüße von Schmidti 🎈

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